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An meine Kinder

windradMeine Kinder, ich hätte euch so vieles zu sagen.

Ich liebe euch, habe euch ganz fest gern und bin stolz auf euch. Ihr bereichert mein Leben. Immer und immer wieder lerne ich mit euch dazu. Ich hinterfrage meine Ansichten und mein Verhalten, erkenne in euch meine eigene Kindheit wieder und muss stets flexibel bleiben.

Ohne euch läge keine Wasserpistole unter unserem Esstisch, würde ich im Wohnzimmer nicht über ein Piratenschiff stolpern und mich nicht wundern, wie der Playmobil-Taucher den Weg neben den Brotkorb gefunden hat.

Ohne euch wäre die Küche nicht mit all diesen wunderschönen Zeichnungen tapeziert, niemand würde ab und zu den Essenstisch besonders extravagant mit Dinosauriern, Muscheln oder Eiffeltürmen dekorieren und unsere gemeinsamen Aktivitäten würden ihren speziellen Charme verlieren.

Zuweilen fordert ihr meine Geduld heraus, dann wieder lachen wir gemeinsam.

Manchmal fragt ihr euch vielleicht, wer von euch mein Liebling ist. Ich versichere euch, jede/r von euch ist mein Lieblingskind für seine Besonderheiten und seine einzigartige Persönlichkeit.

Doch ihr seid weder mein Lebenszweck noch der Sinn meines Lebens. Ihr seid eine meiner wichtigsten Lebensaufgaben, die ich mit bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen versuche. Natürlich mache ich Fehler dabei und bitte euch, mir zu verzeihen, wenn ich euch falsch verstehe, nicht genügend Aufmerksamkeit schenke oder euch sonst wie Unrecht tue.

Wir Eltern sind es uns nicht immer bewusst, wie bedeutsam unser Beispiel und unsere Äußerungen für euch Kinder sind. Eine belanglose Bemerkung, positiv oder negativ, gräbt sich mitunter tief ins Gedächtnis ein und bleibt ein Leben lang in eurer Erinnerung. Es kommt vor, dass wir die Relevanz unseres Urteils euch gegenüber nicht genügend bedenken oder unterschätzen, oder aber unsere Meinung gänzlich verschweigen und somit bei euch vielleicht fälschlicherweise den Eindruck erwecken, dass wir uns nicht für euch interessieren.

Und wie ich euch schon mehrmals sagte, sind wir nicht perfekt, manchmal gestresst oder gereizt und trotz aller guten Absichten bisweilen ungerecht.

Mein Ziel ist es, euch für dieses Leben auszurüsten, damit ihr in guten und schlechten Zeiten stets vertrauensvoll, aufrichtig und gradlinig bleibt.

Es begann mit euren Vornamen, bei deren Auswahl wir nicht nur auf den Klang achteten, sondern auch darauf, euch gute Eigenschaften und Vorbilder mit auf den Weg zu geben.

In euren ersten Lebensjahren versuchten wir, euch Geborgenheit, Zuneigung und Sicherheit zu geben, eure Neugierde und euer Wissbegehren zu stimulieren und gleichzeitig einen gewissen Rahmen zu setzen (dessen Grenzen ihr übrigens bereits damals getestet habt).

Nun seid ihr auf dem Weg in die Pubertät. In dieser Zeit möchten wir euch eine solide Basis für euer gesamtes Leben vermitteln, damit ihr später auch in schwierigen Situationen nicht verzweifelt.

In diesem Sinne freue ich mich, euch inschaAllah weiterhin auf eurem Lebensweg mit seinen Freuden und Leiden begleiten zu können, sowohl euch zu leiten und zu unterstützen, als auch eure eigenständige Persönlichkeit und Entscheidungsfreiheit zu respektieren, und euch in mein Gebet einzuschließen.

Eure Mutter

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Ein rotes Tuch

In Anbetracht des Weltgeschehens ist die weibliche Kopfbedeckung wahrlich ein ziemlich irrelevantes Thema. Und doch schafft es das Kopftuch immer wieder in die Schlagzeilen und erntet großes Missfallen.

Natürlich habe ich manchmal Zweifel und stelle mich und meine Überzeugungen in Frage.

Ich zweifle nicht an der Existenz einer höheren Macht, sondern bisweilen an meiner praktischen Umsetzung.

Manchmal wäre es einfacher, in der Masse unterzugehen. Ohne Kopftuch. Mein Verhalten, mein ganzes Handeln wäre dann lediglich meine individuelle Art und würde nicht mehr dem Islam zugeschrieben, wie dies heute wohl viele Menschen ganz unbewusst tun, wenn sie mich mit Kopftuch sehen. Insbesondere diejenigen, die mich nicht persönlich kennen.

Dann denke ich an jene, die zum Beispiel ihre Hautfarbe nicht einfach ablegen können und ihr Leben lang mit gewissen Stereotypen assoziiert werden. Näher betrachtet gibt es die Masse auch überhaupt nicht, denn sie besteht aus ziemlich verschiedenen Individuen mit ihren ganz persönlichen Eigenheiten.

Denn das Kopftuch ist auch eine Chance. Es soll keine Provokation sein, ist auch kein religiöses oder politisches Symbol. Der Islam ist eine Religion, keine Ideologie, Muslime können politisch sehr unterschiedliche Meinungen haben.

Das Kopftuch ist auch kein Aushängeschild des Proselytismus.

Sondern ganz einfach ein religiös motiviertes Kleidungsstück, das in unzähligen Varianten dekliniert werden kann.

Wahrscheinlich würden Ordensschwestern in Ordenstracht in unserer westlichen Welt genauso viel Ablehnung erfahren wie muslimische Frauen, wenn sie immer zahlreicher würden und plötzlich ebenso zum Straßenbild gehörten wie beispielsweise Hundespaziergänger.

Dieses Kopftuch, das muslimische Frauen und viele Nonnen gemeinsam haben, erinnert hierzulande an patriarchalische Zeiten. Gender ist ein Thema, muss ein Thema sein und wird in muslimischen Kreisen ebenfalls wieder zunehmend aktuell. Doch nicht das Tuch ist ein Problem, sondern das, was im Kopf drin vorgeht. Die Einstellungen müssen ändern. Der westliche Feminismus schaffte die unterdrückten Frauen vom Aussehen her ab. Wir können Hosen tragen und uns der Mode frei unterwerfen. In zahlreichen Männer-(und Frauen-)köpfen hat sich jedoch nicht gar so viel gewandelt.

In diesem Sinne hoffe ich zu Beginn des neuen Jahres 2011 auf eine Welt, in der keine Frau weder zum Anziehen noch zum Ausziehen eines Kleidungsstücks gezwungen wird, auf eine Welt, in der über Frauen nicht mehr ihres Aussehens wegen geurteilt wird (dies gilt ebenso für Politikerinnen wie für Übergewichtige oder Kopftuchträgerinnen), und vor allem auf eine Welt, die sich wirklich relevanten Dingen zuwendet.

 

Nachtrag: Natürlich ist ein Kopftuch ein Merkmal, das sich zur karikaturistischen und propagandistischen Darstellung des Fremden eignet. Andererseits haben manche das Gefühl, eine kopftuchtragende Frau sei durch ihr öffentliches Bekenntnis zu einer Religion im Gegensatz zu ihnen absolut ohne Zweifel, was als eine Art religiöser Arroganz ausgelegt wird. Dies ist selbstverständlich nicht der Fall. Zweifeln ist menschlich und gehört zu jeder Religion dazu.

Ein Jahr nach der berühmt-berüchtigten Initiative „Gegen den Bau von Minaretten“, mit deren Annahme am 29. November 2009 die Schweiz international in die Schlagzeilen kam, wurde am vergangenen Wochenende eine weitere Volksinitiative vom Schweizer Stimmvolk angenommen. Es handelt sich um die Initiative „Für die Ausschaffung krimineller Ausländer“.
Dazu ist zu bemerken, dass Volksinitiativen nur in äußerst seltenen Fällen bei einer Abstimmung akzeptiert werden. Seit 1891 wurden von insgesamt 173 Initiativen, die zur Abstimmung gekommen sind, nur gerade deren 18 angenommen. Interessant ist dabei die Bezeichnung der allerersten, 1893 angenommenen Volksinitiative: „für ein Verbot des Schlachtens ohne vorherige Betäubung“, die sich damals gegen die jüdische Bevölkerung richtete.

Initiativen dienen oftmals dazu, den politischen Puls zu nehmen und die Bevölkerung, das Parlament und die Regierung für ein Anliegen zu sensibilisieren, hatten jedoch bisher meist nur geringe Aussichten auf Erfolg.
Wie kommt es nun, dass ein Jahr nach der Anti-Minarett-Initiative, deren Befürworter in einem ähnlichen Themenbereich der Abgrenzung und der Unterscheidung zwischen guten und schlechten Ausländern oder eben zwischen integrierten und gefährlichen Muslimen argumentierten, eine weitere Initiative über Ausländer mehrheitlich Zustimmung findet, übrigens in ähnlichen Proportionen, was die Nein-Sager und Ja-Sager-Kantone betrifft? Allerdings stimmten im Unterschied zu den 57.5% Ja-Stimmen für die Anti-Minarett-Initiative diesmal „nur“ 52.9% der Urnengänger Ja.

Ganz persönlich meine ich, dass es sich um ein Zeichen der Zeit handelt. Wir leben in einer sogenannt aufgeklärten, modernen und technisierten Welt, in der dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – nicht die rationale, sondern vor allem die emotionale Seite vorherrscht. Marketingspezialisten haben dies längst erkannt. So werden wir in der Werbung und in unserem täglichen Leben auf Schritt und Tritt mit Gefühlsargumenten bombardiert. Nicht der tatsächliche, empirisch nachzuweisende Nutzen eines Produktes wird uns erklärt, sondern ein instinktives Bedürfnis nach diesem Artikel geschaffen. Manipulation ist allgegenwärtig (eine interessante Sendung auf Deutsch in diesem Zusammenhang: Quarks&Co, und auf Französisch: Specimen).

Da verwundert es auch nicht, wenn selbst über weniger polarisierende Abstimmungsvorlagen in der Schweiz oft aus dem Bauch heraus abgestimmt wird. Oder sind wir einfachen Stimmbürgerinnen und Stimmbürger womöglich schlichtweg überfordert oder inkompetent, über gewisse Gesetzes- oder Verfassungstexte zu befinden, schliesslich sind wir ja nicht alle Juristen und sind uns auch nicht unbedingt der Tragweite mancher Texte bewusst?

In diesem Sinne hoffe ich, dass wir nicht verlernen werden, uns und unsere Standpunkte gelegentlich in Frage zu stellen, und Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten…

Es gibt zwei alljährliche allgemein anerkannte islamische Feiertage: Das Eid al-Fitr zum Ende des Fastenmonats Ramadan und das Eid al-Adha, das zur Zeit der Pilgerfahrt in Mekka stattfindet und im Gedenken an Abraham begangen wird, der bereit war, in Gehorsamkeit ALLAHs seinen Sohn zu opfern, stattdessen aber ein Schaf zur Opferung erhielt.

 

Da das islamische Jahr dem etwas kürzeren Mondkalender folgt, feiern wir diese Feste jedes Jahr ungefähr 11 Tage früher als im Vorjahr.

Fallen sie auf einen Schultag, so beantrage ich bei der Schulleitung jeweils im Voraus einen freien Tag für meine Kinder im Primarschulalter, der mir auch immer gestattet wurde.

Warum möchte ich meine Kinder an diesem Tag nicht zur Schule schicken?

Weil dies für sie Kindheitserinnerungen sein werden: das gemeinsame Gebet in der Moschee, die festliche Dekoration zu Hause, das frühmorgendliche Aufstehen, um die Geschenke zum Ende des Ramadan öffnen zu können, das Beisammensein mit Familie und Freunden, die Ausflüge oder Besuche an diesem Tag.

Weil sie so dem Weihnachtsmann und dem Osterhasen gelassener begegnen können (ein älterer Artikel zu diesem Thema: hier) und sich nicht benachteiligt fühlen, da sie ja auch ihre besonderen Feste haben.

Weil ich somit meinen Kindern signalisiere, dass sie zu ihrer Religion und zu ihren Überzeugungen stehen können und ihre Zugehörigkeit nicht verstecken oder sich verstellen müssen.

Weil es gut ist für ihr Selbstbewusstsein und ich ihnen damit zu verstehen gebe, dass die Schule wichtig ist und ich mich an ihre Regeln halte, indem ich rechtzeitig ein offizielles Gesuch schreibe, und letztendlich der Schule die Entscheidung überlasse, den freien Tag zu bewilligen oder nicht, und gleichzeitig meinen Kindern aufzeige, dass Ausnahmen möglich sind, wenn man sich darum bemüht, und wir nicht immer der Masse folgen müssen.

Weil die Schule dank dieser Gelegenheit meinen Kindern beweisen kann, dass sie ihre Religion und ihre Feste akzeptiert, und sich meine Kinder dadurch mit der Schule identifizieren können, sie ernst nehmen und Sorge zu ihr tragen.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes Fest!

Eine Mischehe der Generation meiner Eltern bedeutete meist eine Ehe zwischen Katholiken und Protestanten. Heutzutage würde dies wohl kaum mehr jemand als Mischehe bezeichnen, vielmehr denken wir dabei an die Vermählung zweier Personen unterschiedlicher Nationalität, Hautfarbe oder Religion.

Dürfte nun aber meine muslimische Tochter einen nicht-muslimischen Mann heiraten?

Da frage ich mich, ob denn der nicht-muslimische Mann, der abends gern auch mal ein Bierchen trinkt, eine Vorliebe für Räucherschinken hat und öfter mal das schweizerdeutsche Schimpfwort „Gopferdammi“ (Gott verdamme mich) in den Mund nimmt, davon träumt, eine kopftuchtragende Frau zu heiraten, die fünf Mal täglich betet, einen Monat pro Jahr fastet (dies bedeutet auch keinen Geschlechtsverkehr von Beginn der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang) und weder Schweinefleisch isst, noch Alkohol trinkt.

Natürlich ist dies eine (absichtlich) karikaturistische Darstellung, doch die eigentliche Frage, die sich das Paar stellen sollte, lautet wohl: Wie wichtig ist mir die Religion? Hat die Religion einen großen Stellenwert im Leben einer Person, so wird sie einen Partner suchen, der dafür Verständnis aufbringt und ähnlich lebt. Ist die Religion lediglich eine Formalität, so werden andere Einstellungen im Vordergrund stehen.

Mit der Ankunft von Kindern ändert sich manchmal das Verhältnis der Ehepartner zur Religion mit einer Tendenz, verstärkt auf den Glauben und die Traditionen aus der eigenen Kindheit zurückzugreifen, weswegen es sehr zu empfehlen ist, sich vor der Ehe über die etwaige Kindererziehung Gedanken zu machen.

Treffen in einer Ehe zwei verschiedene Nationalitäten, zwei Sprachen oder zwei Religionen aufeinander, tendiert man dazu, Eheprobleme, Auseinandersetzungen oder Verständnisschwierigkeiten diesen „kulturellen“ Umständen zuzuschreiben. Dies mag durchaus zutreffen, allerdings ist eigentlich jede Ehe eine interkulturelle Ehe, denn außer in Ausnahmefällen treffen immer zwei verschiedene Familienkulturen aufeinander. Zur Familienkultur gehören einerseits Kleinigkeiten wie das Schließen oder Offenlassen des Klodeckels, des Shampoos oder der Zimmertüre, familieneigene Essensgewohnheiten oder unterschiedliche Zubereitungsarten von Gerichten, andererseits aber auch divergente ideologische, politische oder religiöse Ansichten oder kulturelle Gepflogenheiten. Äußerliche Ähnlichkeiten bedeuten dabei nicht unweigerlich auch innerliche Gemeinsamkeiten und umgekehrt.

In beinahe jeder Ehe folgt auf eine Phase der Verliebtheit, während der wir dem Partner all seine Macken und Eigenarten verzeihen oder diese sogar originell und liebenswert finden, eine Periode der Ernüchterung, in deren Verlauf wir uns über gewisse (Un-)Arten des andern zu ärgern beginnen und die herumliegenden Socken oder die stundenlangen Telefongespräche mit der besten Freundin plötzlich ein Stein des Anstoßes werden. Nun ist von beiden Ehepartnern eine gewisse Kompromissbereitschaft und möglichst viel Verständnis für den andern gefragt, damit solche unvermeidbaren Konflikte für beide Seiten zufriedenstellend überwunden werden können, wobei die Schuld weder der Schwiegermutter, noch der Religion, der Sprache oder der Mentalität zugeschoben werden sollte und diese auch nicht als Entschuldigung zu benutzen sind, denn obwohl wir von all diesen Faktoren geprägt und beeinflusst werden, sind wir doch eigenständige Wesen – oder sollten es zumindest sein – deren Persönlichkeit nicht auf eine Komponente reduziert werden kann.

Nein, eine Mischehe bedeutet nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen (womit wir bereits bei einem Streitpunkt wären, denn Eierkuchen ist nicht unbedingt ein universeller Begriff für Zufriedenheit und Wohlstand). Zweifelsohne sind unsere Kindheit und das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, von großer Bedeutung. Beträchtliche kulturelle Unterschiede, wobei auch sprachliche Diskrepanzen nicht zu unterschätzen sind, können eher zu Missverständnissen und Auseinandersetzungen führen als eine Ehe zwischen Hinz und Kunz. Eine Mischehe bringt jedoch vor allem eine gegenseitige Bereicherung und die Erkenntnis mit sich, dass wir alle so unterschiedlich gar nicht sind. Oder wie es damals meine Deutschprofessorin formulierte, als sie von meiner Heirat mit einem nicht-europäischen Mitmenschen erfuhr: „Dann haben Sie jetzt zwei Länder.“

In diesem Sinne ist jede Partnerschaft einzigartig, unvorhersehbar und schicksalhaft.

Leider gibt es sie, die falschen Anschuldigungen und Diskriminierungen auf Grund des Aussehens, des Namens oder der Staatszugehörigkeit einer Person.

Eine im März dieses Jahres veröffentlichte Studie der French-American Foundation[1] über die Anstellungschancen einer (fiktiven) jungen Französin mit oder ohne Migrationshintergrund sowie entweder mit christlichem oder mit muslimischem Engagement ergab, dass die christliche Migrantin zweieinhalb Mal mehr Chancen hatte, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als die junge Frau mit muslimischem Vornamen.

In anderen westeuropäischen Ländern würde die gleiche Studie wohl ähnliche Resultate aufweisen.

Und als ihre damalige Lehrerin es meiner 8jährigen Tochter nicht erlaubte, ihr modisches, relativ breites Haarband im Schulzimmer anzubehalten, obschon sie es ja gerade aus praktischen Gründen trug, damit ihr die Haare während des Unterrichts nicht ins Gesicht fielen, da vermutete ich als kopftuchtragende Mutter eine übereifrige Lehrerin im – wohl gut gemeinten – Kreuzzug gegen „religiöse Symbole“. Nach einem Gespräch mit der betreffenden Person sah sie aber auch ein, dass es sich ganz einfach um ein Haarband handelte, wie es gerade Mode war, und in keiner Weise mit Religion zu tun hatte.

Unerhört und unsäglich schlimm hingegen ist der Mord an der in Deutschland wohnhaften Ägypterin Marwa El-Sherbiny in einem Dresdner Gerichtssaal am 1. Juli 2009 vor den Augen ihres Sohnes und ihres Mannes, der von einem später hinzugekommenen Polizisten noch angeschossen wurde, als er versuchte, seine Frau zu beschützen. Sie war als Zeugin gegen ihren späteren Mörder geladen, der sie wegen ihres Kopftuchs und ihrer ausländischen Herkunft wüst beschimpft hatte.

Solche und ähnliche Ereignisse führen dazu, dass wir manchmal geneigt sind, eine unfreundliche Abfertigung an der Kasse im Supermarkt oder einen Nachbarn, der uns nicht Guten Tag sagt, auf unser Muslim-Sein zurückzuführen.

Die Stigmatisierung und negative Fokussierung auf eine Personengruppe hat zweifellos zur Folge, dass die Hemmschwelle für eine Tat gegen Personen dieser Gruppe, die als bedrohliches Kollektiv und nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, herabgesetzt wird.

Hier gilt es jedoch zwischen tatsächlicher Diskriminierung, wie beispielsweise auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, und ganz alltäglichen Situationen, wie sie eben vorkommen, zu unterscheiden. Vielleicht ging es der Kassiererin ganz einfach nicht gut und sie hätte jeden griesgrämig bedient. Vielleicht war unser Nachbar so sehr in Gedanken versunken, dass er uns gar nicht bemerkt hat. Vielleicht interessiert sich die Frau, die uns anstarrte, ja bloß dafür, wie unser Kopftuch gebunden ist.

Mit einem Lächeln und positiver Einstellung verwandelt sich so manche ungemütliche Situation in einen bereichernden Austausch.

In diesem Sinne verurteile ich Diskriminierungen und aus Hass oder aus Vorurteilen begangene böswillige Handlungen oder Verbrechen aufs Strengste, lehne die Idee jedoch ab, dass alles, was mir zustößt, in meiner Religion oder meiner Erscheinung begründet ist. Und genauso wenig können verschiedenste politische und gesellschaftliche Probleme der Religion als Wurzel allen Übels zugeschrieben werden.


[1] Pressemitteilung auf Englisch: Link

Die große Hitze

Nun ist es wieder soweit und der muslimische Fastenmonat Ramadan steht vor der Tür.

Für zahlreiche nützliche Hinweise und Erklärungen zu diesem außerordentlichen Monat verweise ich auf die Broschüre 25 Fragen zum Fasten (Cordoba-Verlag), beispielsweise auf der Website al-sakina, die neben dem Warum, Wie, Wann des Fastens ebenso gesundheitliche Aspekte, Ausnahmen und vieles mehr bespricht.

Der Name Ramadan leitet sich aus derselben Wortwurzel wie das arabische Wort für brennende Hitze oder Trockenheit ab. Und diesmal fällt dieser spezielle Monat des Mondkalenders, der deswegen jedes Jahr ungefähr 11 Tage früher als im Vorjahr beginnt, hierzulande in eine heißere Zeit. Da werden Stimmen laut, die am Sinn des Fastens ohne Nahrungsaufnahme und vor allem ohne Trinken von Einbruch der Morgendämmerung bis nach Sonnenuntergang zweifeln und es als Gefahr für die Gesundheit anprangern.

Muslime fasten jedoch bereits seit über 1400 Jahren auch in heißeren Gegenden der Welt.

Kranke, alte und schwache Menschen oder schwangere Frauen, aber auch Reisende etc. sind im Übrigen nicht zum Fasten verpflichtet und können die verpassten Tage später nachholen oder falls dies nicht möglich ist, für jeden versäumten Tag einen Bedürftigen speisen.

Da liegt es an jedem einzelnen, seine persönlichen körperlichen Grenzen zu akzeptieren, richtig einzuschätzen und im Zweifelsfalle bei gesundheitlichen Problemen oder bei Medikamenteneinnahme medizinischen Rat einzuholen, und gegebenenfalls mit Schwerstarbeit oder mit dem Fasten – je nach Möglichkeit – aufzuhören. Für Freizeitsportler stellt sich die Frage, was wichtiger ist, Ramadan oder intensives Training. Für Profisportler und Schwerarbeiter ist das Dilemma größer, aber auch hier können individuelle Lösungen gefunden werden.

Dazu gehört des Weiteren eine gesunde, ausgewogene Ernährung nach dem Fastenbrechen, keine zu üppigen Mahlzeiten und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, wie im Artikel vom 28.07.2010 der Islamischen Zeitung erwähnt, der neben praktischen Tipps auch die Abläufe im Körper während des Fastens trefflich beschreibt.

Aber sind denn diese Diskussionen nicht vor allem Ausdruck unserer „modernen“ Zeit und unserer gesundheitsbewussten Hightech-Welt, die jegliche Handlungen und Verhaltensweisen optimieren und technisieren will, und ein Abbild unserer Privilegien, die wir zu verlieren fürchten? Während wir um möglichst ausgeglichene und fasernreiche Ernährung bemüht sind und den idealen Menüplan zusammenstellen, fasten in andern Teilen der Welt Kinder und Erwachsene unfreiwillig jahrelang, da sie sich eine genügende Versorgung mit Lebensmitteln überhaupt nicht leisten können.

Fasten im Ramadan bedeutet nicht, einfach ohne Essen und Trinken genau gleich weiterzuleben wie bisher. Ohne spirituelle Basis verfehlt das Fasten sein Ziel. Fasten ist Glaubenssache, und deswegen für Nichtmuslime manchmal schwer nachvollziehbar. Ramadan sollte die Gelegenheit sein, eine Pause einzulegen; der Fastenmonat ist eine Zeit des Einhaltens und der Besinnung auf das Wesentliche, ein spirituelles Auftanken und Nachdenken. Auch unser Mundwerk sollten wir im Zaum halten und uns in Selbstbeherrschung und Geduld üben.

Und wenn in muslimischen Kreisen alljährlich bemängelt wird, dass der Beginn und das Ende des Ramadan nicht auf der ganzen Welt am gleichen Tag stattfinden, da sich nicht alle auf ein Datum einigen können und die einen astronomische Berechnungen anstellen, während andere die konkrete Sichtung der Mondsichel abwarten, so ist dieser Wunsch nach Vereinheitlichung in gewisser Weise ebenfalls ein Zeichen unserer sicherheitsbesessenen Zeit, die alles unter Kontrolle haben möchte und keinen Platz für Unvorhergesehenes bereithält, obschon unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tode, vorwiegend unvorhersehbar ist.

In diesem Sinne, ergreifen wir diese Gelegenheit, unsere Ernährungsgewohnheiten zu überdenken und halten wir einen Monat lang inne, versuchen wir uns von der täglichen Hektik etwas abzusetzen und auf der ganzen Linie ein möglichst vorbildliches Verhalten an den Tag zu legen.

Ich wünsche allen einen GESEGNETEN MONAT RAMADAN!

28.07.2010